Hilfe, bei mir tickt’s nicht richtig - Mix am Mittwoch
85185
post-template-default,single,single-post,postid-85185,single-format-standard,edgt-core-1.1.2,ajax_fade,page_not_loaded,,vigor child-child-ver-1.0.0,vigor-ver-1.8.1, vertical_menu_with_scroll,smooth_scroll,fade_push_text_top,wpb-js-composer js-comp-ver-4.11.2.1,vc_responsive

Hilfe, bei mir tickt’s nicht richtig

Warum ein Streit auf dem Balkan seit einigen Wochen die Radiowecker auch im Rhein-Main-Gebiet verstellt

Na – auch schon irritiert auf die Digitaluhr am Backofen oder auf den Radiowecker geschaut. Weil die Ziffern dort etwas ganz anderes sagen als die eigene Armbanduhr oder Omas tickendes Erbstück auf dem Sims? Nicht wundern: In ganz Europa ticken die Uhren derzeit falsch.

Von Ulrich Müller-Braun

Emine Demircan aus Kelsterbach ist es ebenso passiert wie Michaela Petry aus Frankfurt oder Melanie Ludwig aus Burgholzhausen: „Bei unserem Herd waren es drei Minuten“, erzählt sie, und Judith Best aus Frankfurt hat die Uhr am Herd sogar schon zwei Mal nachgestellt. Das kennt auch Kirsten Damen, die die Tatsache, dass sie ihre Uhr schon mindestens fünf Mal nachstellen musste, mit dem Satz „und täglich grüßt das Murmeltier“ kommentiert. Sie nimmt die falsch gehenden Uhren ganz offensichtlich ähnlich mit Humor wie Simone Maier: „Meine Uhr am Backrohr ist mittlerweile knappe fünf Minuten hinten … dafür geht meine Uhr im Auto aber immer mindestens fünf Minuten vor. Da gleicht es sich dann aus“, lacht sie.
Eine Erklärung für das merkwürdige Phänomen hat sie nicht. Und da geht es ihr wie vielen. Dabei ist der Grund, sagen wir, nachvollziehbar. Die Uhren, die am Stromnetz hängen, ticken nicht richtig, weil es seit Mitte Januar auf dem europäischen Strommarkt eine Versorgungslücke gibt, teilte jedenfalls der europäische Verband der Übertragungsnetzbetreiber Entsoe in Brüssel mit.
Der politische Dauerkonflikt zwischen Serbien und dem Kosovo habe dazu geführt, dass von dort zu wenig Strom in das kontinentale Netz fließe, an dem 25 Staaten von der Türkei bis zu den Niederlanden hängen. Es geht dabei zwar nur um einige hundert Megawatt – weshalb die Stromlücke ansonsten keine gravierenden Folgen hat und kaum bemerkt wird. Um die Uhren aus dem Takt zu bringen, genügt es aber. Radiowecker und andere stromnetzgespeiste Uhren haben oft keine eigenen Taktgeber, sondern messen den Ablauf der Zeit über die Schwingungen des Wechselstroms aus der Leitung. Das erspart die Kosten für eine Quarzsteuerung. Die Frequenz des Stroms liegt bei 50 Hertz, also 50 Schwingungen pro Sekunde. Solange dieser Wert gut eingehalten wird, gehen die daran gekoppelten Uhren zuverlässig.
Doch seit Mitte Januar wurde diese Zahl kaum mehr erreicht, wie die Netzbetreiber nun mitteilen. Die Frequenz lag stattdessen bei etwa 49,95 Hertz. Die Abweichung zu 50 Hertz erscheint klein, aber sie hat sich über zwei Monate zu rund sechs Minuten Zeitunterschied addiert.
Das kommt auch sonst immer wieder vor. Ganz stabil ist die Frequenz des Stromnetzes nie. Die Netzbetreiber reagieren normalerweise sofort, wenn die Frequenz über 50 Hertz steigt oder darunter sinkt, und passen die Stromversorgung entsprechend an.
Die gute Nachricht zumindest für alle, die ihre Uhren einfach falsch haben gehen lassen: Die europäischen Stromnetzbetreiber planen ein „Kompensationsprogramm“, um die verlorenen Hertz wieder aufzuholen. Heißt: Wer seinen Wecker brav gestellt hat, um nicht zu spät zu kommen, darf wieder ran.