In der Herzkammer der Stromversorgung - Mix am Mittwoch
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In der Herzkammer der Stromversorgung

Ein Besuch in der Netzleitwarte nahe dem Frankfurter Westbahnhof

Ein funktionaler, lichtdurchfluteter Raum; seine Maße entsprechen denen einer Schulturnhalle, die Fenster reichen bis zur Decke. In einem großen Halbkreis stehen seine Herzstücke, drei Wände mit jeweils zwölf Monitoren. Auf jede schaut ein Mitarbeiter, Headset am Ohr, Maus und Tastatur in Griffweite. Auf den Bildschirmen leuchten unzählige Schaltpläne mit Linien in Türkis, Grün, Rot und Gelb, dazu Zahlen und technische Symbole. Erinnerungen an die Flugsicherung werden wach.

Große Masten

Bis zu rund 45 Prozent des Frankfurter Stroms entstehen theoretisch in der Stadt. Der Rest kommt aus dem Übertragungsnetz, erkennbar an seinen großen Masten samt Freileitungen. An dieses angeschlossen sind mehrere große Umspannwerke an der Stadtgrenze. In diesen Übergabepunkten reduzieren Transformatoren die Spannung von 380 und 220 auf 110 Kilovolt und speisen den Strom in das Frankfurter Verteilnetz ein. Dessen Hauptkabel, etwa so dick wie ein Oberschenkel, sind so etwas wie die Hauptschlagadern der Elektrizitätsversorgung und verlaufen unter den Straßen. Von ihnen fließt die Energie, weiter reduziert in 26 Umspannwerken und rund 2400 Umspannanlagen, durch das eng vermaschte Verteilnetz bis in die Gebäude.

Ratte im Transformator

Um die Hauptschlagadern kümmert sich die Leitwarte 24 Stunden; von 15.30 bis 7.30 Uhr kommt zusätzlich noch die Störungsannahme für das Verteilnetz dazu. Beide Systeme umfassen mehrere Tausend Anlagen und 6000 Kilometer Kabel. Durch sie fließen jährlich rund 4,7 Terawattstunden Strom, entsprechend 4,7 Milliarden Kilowattstunden. Zum Vergleich: Nach Mainova-Angaben verbraucht ein Zwei- bis Dreipersonenhaushalt durchschnittlich 3500 Kilowattstunden im gleichen Zeitraum.

„Wir sehen alles, was von außen rein kommt“, sagt Ralf Blume, Abteilungsleiter Netzführung bei der Mainova-Tochter Netzdienste Rhein-Main (NRM) mit Blick auf den Monitor. Dort klickt sein Kollege Jörg Schmidt auf zwei sich überlappende Kreise, das Symbol eines Übergabepunktes. An der Stelle öffnet sich ein Feld mit technischen Daten. Diese Information hilft Schmidt, mit Maus und Tastatur den Stromzufluss zu regeln. „Das ist so ähnlich wie bei einem Transformator einer Märklin-Eisenbahn“, beschreibt er seine Arbeit. Nur, dass er einen deutlich größeren Spannungswandler bedient. Hier hilft Schmidt seine über 30-jährige Erfahrung als Netzmeister. Denn er muss die Auswirkungen seines Tuns einschätzen und zugleich auf unterschiedliche Ereignisse reagieren. Hierzu gehören etwa Schalt- und Wartungsarbeiten am Netz, die rund um die Uhr passieren. Dann schaltet er einzelne Anlagen ab, damit die Kollegen vor Ort sicher ihren Job tun können. Hierfür sind die Headsets wichtig. So erfährt Schmidt direkt, was zu sehen ist, und kann die Kollegen mit Informationen von seiner Monitorwand unterstützen. Eine unverzichtbare Hilfe, gerade bei Störungen. Denn diese sind unvermeidlich. „Vor einiger Zeit ist eine Ratte über die Anschlüsse eines Transformators geklettert und hat einen Kurzschluss ausgelöst“, erinnert sich Benedikt Richter, Ingenieur und Schichtleiter. Andere Ursachen können Schäden durch Bauarbeiten oder physikalische Einwirkungen sein. „Bei so etwas schalten wir den Fehler schnell raus“, fügt er hinzu und fährt mit dem Mauspfeil auf eine weiße Linie. Mit einigen Klicks könnte er jetzt diese Verbindung aktivieren, erkennbar an der sich ändernden Farbe.

Rasantes Wachstum

„Der Verbraucher dürfte wahrscheinlich nicht einmal ein kleines Flackern bemerken“, beschreibt Richter die praktischen Auswirkungen. Damit weiterhin der Strom ohne Unterbrechungen fließt, sind regelmäßige Investitionen in die Netztechnik erforderlich. So hat die NRM in den vergangenen fünf Jahren rund 140 Millionen Euro in Ausbau und Modernisierung der Frankfurter Stromverteilung gesteckt und plant, diesen Weg fortzusetzen. Damit reagiert das Unternehmen unter anderem auch auf den steigenden Strombedarf in der Bankenmetropole. Das liegt nicht nur an den jährlich etwa 10 000 Neu-Frankfurtern, sondern auch an der Wirtschaft. „Die Telehäuser tragen entscheidend zum steigenden Strombedarf bei“, erläutert Abteilungsleiter Blume und verweist auf die rund 40 Rechenzentrum-Betreiber in der Stadt. Die Rechenzentren haben den Flughafen als Verbraucher Nummer eins abgelöst. An dem Stromhunger ändert auch die Energiewende nichts. Deren Auswirkungen spüren die Mitarbeiter dennoch. Denn immer mehr kleine dezentrale Erzeuger speisen umweltfreundlich produzierte Energie ein. „Früher kannte der Strom nur eine Richtung – nämlich vom Kraftwerk zum Verbraucher –, heute ist das anders“, sagt Blume. Hinzu kämen mehr Schwankungen und damit mehr Eingriffe in die Netze, auch beim von außen ankommenden Strom. „Schiebt sich eine Wolke über ein großes Solarfeld oder stürmt es an der Nordsee – der Einfluss der volatilen Energieerzeugung nimmt zu und stellt die Netzbetreiber vor große Herausforderungen“, so der Fachmann.