Wie viel Dippe gibt’s noch auf der Mess? - Mix am Mittwoch
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Wie viel Dippe gibt’s noch auf der Mess?

Von Mix geprüft: Die Traditionsprodukte stehen im Schatten der Fahrgeschäfte

Norbert Braun von Lederwaren Braun im Gespräch mit Stammkunde Andre Hübsch aus Nürnberg; Fotos: Esther Fuchs

Kunde Vlado Vidovic (links) im Gespräch mit dem Juniorchef der Töpferei Seifert, Ronny Seifert.

Noch bis zum 15. April heißt es in und um Frankfurt: „Auf, wir gehen zur Dippemess!“ Doch wer in Anlehnung an den Namen dicht bepackte Stände mit selbstgetöpferten Bembeln, Tassen oder Schüsseln vermutet, wird beim Schlendern über das Gelände enttäuscht.

Unter den 135 Ständen finden sich vornehmlich Fahrgeschäfte, Schieß- und Spielstände oder Imbiss- und Süßwarenbuden. Kaum mehr als ein Dutzend Anbieter stellen noch Kleinartikel zur Schau, eine knappe Handvoll davon sind Familienbetriebe, die seit vier, fünf Jahrzehnten hierherkommen. Wer Keramikprodukte finden möchte, muss sich mehrfach durchfragen.

Die Entstehung der Dippemess geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Damals kauften Hausfrauen ihre Dippe hier, warteten sehnsüchtig auf die neuesten Töpfereiprodukte. Der Absatz war rege.

„Mein Urgroßvater mütterlicherseits fuhr immer mit vollbepacktem Karren in die Region und hatte sechs bis acht Wochen zu tun. Das war ein lukratives Geschäft“, erinnert sich Karl Seifert an die guten alten Zeiten.

Karl Seifert stammt aus einer traditionsreichen rheinland-pfälzischen Töpferdynastie. Seit fünfzig Jahren ist er nicht nur auf der Dippemess, sondern auch auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt Anbieter der typisch blauen Keramik- und Töpfereiprodukte. „Während man unserem Großvater die Einmachtöpfe noch aus der Hand riss“, fragt sich die Familie mittlerweile, „warum wir das auf der Dippemess noch machen.“ Das Familienunternehmen hat den letzten Stand, der ausschließlich Steingut- und Töpfereiprodukte anbietet.

Carmen Schuberts Steingrotte und die selbstgefertigten Lederwaren von Norbert Braun in unmittelbarer Nachbarschaft zur Töpferei bieten beide regional gefertigte Waren.

„Die Kundschaft hat sich geändert“, erklärt Rony Seifert. Vor einigen Jahren hat er von seinem Vater Karl die Geschäftsleitung übernommen. „Ich bin hier groß geworden und als kleiner Junge zwischen den Tassen und Töpfen einher gelaufen. Das Fest ist mir ans Herz gewachsen“, begründet der 38-Jährige seinen Stand trotz des müden Absatzes. Fahrgeschäfte zögen Familien und junge Leute auf die Dippemess. Das Interesse der Gäste an handgefertigter Keramik sinke. Man kaufe im Warenhaus oder wolle keine Tüten mit fragiler Töpferei auf den Fahrgeschäften dabei haben.

Norbert Braun, mit seinen Lederwaren in unmittelbarer Nähe zur Achterbahn, merkt den Käuferrückgang. „Zum Glück habe ich Stammkunden“, so der Unternehmer. André Hübsch ist ein solcher Stammkunde. „Wenn ich beruflich in Frankfurt bin und Dippemess ist, kaufe ich hier meine Gürtel“, sagt der Nürnberger. Qualität und Handwerk überzeugten und kleine Anpassungen würden vor Ort erledigt.

Anbieter von Kleinartikeln, Plüschtieren, Schlüsselanhängern und Spielwaren haben sich an das Rummelplatzspektakel angepasst und sagen, sie könnten ohne solche Produkte „nicht mehr überleben“. „Doch was hat das noch mit der ursprünglichen Dippemess zu tun?“, fragen die Töpfereibesitzer. Sie fühlen sich der Tradition verpflichtet.

Dagmar Leibnitz sucht mit ihrem Partner Corrado die klassisch dunkelblaue Namenstasse „mit der Aufschrift meines Vornamens“, sagt sie. Ronny Seifert findet unter rund 2500 mitgebrachten Keramiktassen die Richtige. „Ich wollte schon immer so eine Tasse haben“, verrät die Kundin und ist ein wenig betrübt, nur noch so wenige Anbieter nachhaltiger Produkte zu finden. Künftig wolle sie den Morgenkaffee aus der handgefertigten Tasse genießen. Vlado Vidovic kauft fast zeitgleich eine ähnliche Tasse mit der Aufschrift „Oma“. „Nein, für meine Großmutter ist die nicht“, sagt er. „Meine Frau ist schwanger und mit der Tasse wollen wir die Schwiegermutter überraschen, sie weiß noch nichts.“ Vidovic bestellt noch zwei Namenstassen, individualisiert mit den kroatischen Vornamen seiner Eltern. „Das erledigen wir gerne!“, sagt Ronny Seifert.

„Trennen möchten wir uns, auch wenn es sich kaum noch rechnet, von der Dippemess nicht“, sagen die Standbetreiber. Viel Herzblut und Erinnerungen verbinden sie nach zwei und drei Generationen mit dem Fest. Zu Nischenanbietern geworden, soll der Ursprungsgedanke der Dippemess durch sie dennoch weiterleben.